Südekum in Lüneburg: Neue Wertschöpfung und Arbeitsplätze müssen jetzt auf die politische Agenda
Lüneburg. Wie können in der Region Lüneburg neue Arbeitsplätze entstehen und zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen aufgebaut werden? Über diese Frage diskutierten gut 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Einladung der Lüneburger SPD mit dem renommierten Wirtschaftswissenschaftler Professor Jens Südekum.
Der an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf lehrende Ökonom gehört zu den profiliertesten Experten für regionalwirtschaftliche Fragen in Deutschland. Zugleich ist Südekum persönlicher Beauftragter des Bundesministers der Finanzen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.
Zum Auftakt der Veranstaltung verwies Landratskandidat André Schuler darauf, dass sich Beschäftigung und Wertschöpfung in der Region in den vergangenen zehn Jahren insgesamt positiv entwickelt hätten. In den vergangenen zwei Jahren sei jedoch ein Rückgang von Arbeitsplätzen zu beobachten gewesen – insbesondere im ohnehin vergleichsweise schwach ausgeprägten industriellen Sektor der Lüneburger Region.
„Wir müssen deshalb frühzeitig darüber sprechen, wie wir neue Wertschöpfung und neue Arbeitsplätze in unserer Region schaffen können. Eine langfristige wirtschaftspolitische Strategie gehört jetzt auf die politische Tagesordnung“, machte Schuler deutlich.
Südekum: Geoökonomische Bedingungen haben sich grundlegend verändert
In seinem Vortrag erläuterte Jens Südekum zunächst, wie grundlegend sich die geoökonomischen Rahmenbedingungen innerhalb der vergangenen zehn Jahre verändert haben. Insbesondere China habe sich zu einer globalen Wirtschaftsmacht entwickelt, die inzwischen auch zentrale Stärken der deutschen Industrie herausfordere.
„Was wir sehen, ist eine knallharte merkantilistische Währungs- und Industriepolitik Chinas“, fasste Südekum seine Analyse zugespitzt zusammen.
China halte seinen Wechselkurs niedrig und subventioniere massiv Produkte, die für den Export bestimmt seien – darunter Automobile sowie Wind- und Solaranlagen. Ziel sei es, in wichtigen Industriebereichen dominante Marktpositionen aufzubauen. Die daraus resultierenden erheblichen Überkapazitäten erhöhten den Druck auf die europäische und insbesondere die deutsche Industrie.
Deutschland verliere derzeit Monat für Monat rund 15.000 Industriearbeitsplätze, so Südekum. Deshalb sei auf nationaler wie auf europäischer Ebene ein Kurswechsel in der Handels- und Industriepolitik erforderlich.
Neue Wertschöpfung durch Gründungen und Investitionen
Für Regionen wie Lüneburg sieht Südekum eine zentrale Aufgabe darin, neue Wertschöpfungsstrukturen aufzubauen. Eine besondere Bedeutung komme dabei Unternehmensgründungen und der Entwicklung innovativer Wirtschaftsbereiche zu.
Auch das Sondervermögen des Bundes für Infrastrukturinvestitionen könne dabei eine wichtige Rolle spielen. Nach Südekums Einschätzung müssten allein in Lüneburg öffentliche Investitionen in einer Größenordnung von etwa 100 bis 150 Millionen Euro ermöglicht werden.
Zugleich sprach sich der Ökonom für eine Reform der Förderpolitik des Bundes und der Europäischen Union aus. Gerade Regionen, die vor einem wirtschaftlichen Strukturwandel stehen, müssten gezielter dabei unterstützt werden, neue wirtschaftliche Schwerpunkte und Beschäftigungsmöglichkeiten aufzubauen.
Energiewende als wirtschaftliche Chance für die Region
Im anschließenden Gespräch mit Jens Südekum und der SPD-Oberbürgermeisterkandidatin Andrea Schröder-Ehlers stand insbesondere die Bedeutung industrieller Wirtschaftsstrukturen im Mittelpunkt. Eine starke industrielle Basis sei nicht nur für industrielle Arbeitsplätze selbst von Bedeutung, sondern gebe auch wichtige Impulse für die Entwicklung des Dienstleistungssektors.
Große Chancen sehen beide in der Energiewende. Die Lüneburger Region könne sich in den kommenden Jahren zu einem bedeutenden Standort der Windenergie entwickeln. Dieses Potenzial müsse genutzt werden, um entlang der gesamten Wertschöpfungskette neue Unternehmen zu gründen und weitere Betriebe in der Region anzusiedeln.
Eine Schlüsselrolle kommt dabei nach Auffassung der Beteiligten der regionalen Wirtschaftsförderung zu. Diese müsse personell und strukturell so ausgestattet sein, dass sie die wirtschaftlichen Chancen der Energiewende aktiv aufgreifen und neue Investitionen und Unternehmensgründungen unterstützen könne.
Als wichtige Bausteine einer solchen Innovationsstrategie wurden zudem die geplante Weiterentwicklung des Gründerzentrums e.novum, eine enge Zusammenarbeit mit der Leuphana Universität Lüneburg sowie die aktive Einbindung der regionalen Handwerksbetriebe hervorgehoben.
„Die Energiewende darf für unsere Region nicht allein bedeuten, dass hier neue Anlagen entstehen. Unser Ziel muss sein, dass ein möglichst großer Teil der damit verbundenen Wertschöpfung und der neuen Arbeitsplätze auch tatsächlich in der Region bleibt“, betonte Andrea Schröder-Ehlers.
Regionalförderung stärkt auch gesellschaftlichen Zusammenhalt
Besondere Aufmerksamkeit fand in der abschließenden Diskussion eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung, an der Jens Südekum beteiligt war. Untersucht wurde darin unter anderem, ob regionalpolitische Fördermaßnahmen und Infrastrukturinvestitionen Auswirkungen auf das Wahlverhalten haben können.
Die Ergebnisse legen nach Angaben Südekums nahe, dass gezielte Regionalförderung nicht nur wirtschaftliche Effekte entfalten kann. Investitionen in die Entwicklung von Regionen können demnach auch dazu beitragen, das Vertrauen in staatliche Handlungsfähigkeit zu stärken und den Zuspruch zu rechtsextremen Parteien zu mindern.
Für die Lüneburger SPD unterstrich die Diskussion damit einen zentralen Zusammenhang: Eine aktive regionale Wirtschaftspolitik, Investitionen in Infrastruktur und die Schaffung neuer beruflicher Perspektiven sind nicht nur entscheidend für die wirtschaftliche Zukunft der Region, sondern zugleich eine wichtige Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor Ort.